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In Kunst und Kultur werden kreative Prozesse und schöpferisches Potenzial freigesetzt. Bildquelle: © Jörg Pauli | theater&mehr

kunst&kultur

„Neue Wege entstehen, indem wir sie gehen” (Franz Kafka)

Neue Wege zu sehen und sie zu gehen, sind für eine erlebbare Entwicklung wichtig. Neben der theaterpädagogischen Grundlagenarbeit werden dabei auch weiterführende Ansätze der bildenden Kunst genutzt.

Kreative Prozesse und schöpferisches Potenzial werden freigesetzt, Entwicklungsprozesse finden wesentlich effizienter und nachhaltiger ihren Weg, denn es wird über die praktische Arbeit auf allen Ebenen angesprochen: über den Körper sinnlich, über die Seele emotional und über den Geist rational. Zudem gilt es, die so gemachten Erfahrungen in weiteren Lernprozessen bewusst werden zu lassen, in ihnen wertvolle Lernmöglichkeiten zu erkennen und sie zu Handlungsperspektiven mit dem Ziel der Verbesserung der eigenen und der gemeinschaftlichen Situation weiterzuentwickeln.

die auseinandersetzung im künstlerischen prozess

in der darstellenden kunst

Theater als darstellende Kunst ist aus soziologischer Sicht eine Sonder­form der Interaktion. Sie basiert auf Kommunikation, Rahmung und spezifischen Konventionen.

Die (theatrale) Kommunikation zwischen Darsteller und Zuschauer erfolgt über die Verkörperung von Figuren im Rahmen einer Spielsitua­tion, in der die darstellenden Akteure bzw. die dargestellten Figuren handeln.

Durch die räumliche Hervorhebung der szenischen Vorgänge mittels der Theaterarchitektur und die körperliche Hervorhebung durch die leiblich­-performativen Handlungen der Darsteller wird diese Rahmung verstärkt.

Zusätzlich wird im Theater, mit Bezugnah­me auf die Realität, eine andere Wirklichkeit geschaffen, in der das Handeln der Figuren als Probe ohne Konsequenz – also als eine „So-tun-als-ob-Situation“ – charakterisiert werden kann. Gleichwohl bietet es dabei Lösungsoptionen.

So entfaltet das Theater eine Bildungswirkung und macht die Nutzer gleichermaßen zu Zuschauern und Spielern.

Parallel erhebt sich ein ästhetischer Anspruch. Die o.g. Bildungs- oder Lerneffekte stellen sich nur über das ästhetische Vergnügen und die Spiellust der Akteure ein.

Eine Ausrichtung an den künstlerischen Arbeitsweisen und Gestaltungsprozessen ist daher unabdingbar. In dem Augenblick, in dem Theaterpädagogik und deren Methoden zum bloßen Mittel oder Lieferanten für außerhalb des Theatermachens liegende Zwecke reduziert wird, verliert es seine kommunikative, soziale und differenzierende Kraft.

Das künstlerische Material beim Theaterspielen sind der menschliche Körper und menschliche Verhaltensweisen und Äußerungsformen. Die Alltagserfahrungen und Lebenszusammenhänge der Beteiligten werden Teil des Materials.

Im Produktionsprozeß bewirkt das zweierlei, die Bearbeitung eigener Erfahrung und das künstlerisch-praktische Tun eröffnen neue Wahrnehmungsweisen von Selbst und Kunst.

in der bildenden kunst

In der bildenden Kunst ist es ähnlich gelagert. Auch hier stehen hinter Kunst und Kunstwerk kreative Prozesse. Im Auge und im Bewusstsein des Betrachters entfaltet sich dann die Wirkung von Idee und Ausführung. Der Prozess ist dabei für den Betrachter meist nicht direkt zu erkennen, manchmal jedoch zu erahnen.

„Der Künstler aber hegt seit alters her ein Unbehagen gegenüber jedem analytischen Exzess, mit dem man seinen schöpferischen Prozess auf dessen Funktionsmechanismen hin untersucht“ (Antoni Tapies, spanischer Maler, Grafiker und Bildhauer, 1923 – 2012). Tapies fühlte sich zum Zen-Buddhismus und zu den Mystikern hingezogen und beklagte das Chaos der modernen Gesellschaft, in der nur von Geld die Rede sei und in der die spirituelle Nachricht, die der Künstler vermitteln möchte, untergeht. In diesem Zusammenhang ergeben sich auch die Auseinandersetzung und der Zweifel eines Künstlers, die sich im Prozess einstellen.

Anfänglich ein Beispiel: Mark Rothko, 1903 als Kind jüdischer Eltern in Dwinsk (heute Lettland) geboren, erhielt für die Gestaltung des Speisesaals des Four Seasons im Seagram-Gebäude (ein Bau von Mies van der Rohe) den damals höchst dotierten Künstlerauftrag von 35.000$ (was heute 2 Milionen Dollar entspricht). Er nahm den Auftrag nach einigem Abwiegen an. Nach einem Besuch im gerade fertig gestellten Restaurant zog er den Auftrag jedoch zurück. Auch wenn er bereits mit mehreren Serien rund 40 Bilder geschaffen hatte, musste er sich eingestehen, dass in dem geschäftigen Betrieb des Restaurants keine stille Einkehr möglich war, was das Ideal für die Betrachtung seiner Bilder gewesen wäre.

Rothko beschreibt in John Logans Stück «Rot» seinen Besuch im Four Seasons: „Man kommt von der 52sten rein … Dann geht man ein paar Stufen hoch zum Restaurant … Man hört den Raum bevor man ihn sieht. Gläser klirren, Besteck, Stimmen, jetzt noch gedämpft, wird aber lauter, während man näher kommt, ein verzweifelter Klang, mit vorgehaltener Pistole erzwungene Heiterkeit … Man geht rein, fühlt sich falsch angezogen, fühlt sich fett, fühlt sich zu verdammt jüdisch für den Ort. Man nennt seinen Namen. Der Blick der hübschen Kellnerin sagt: „Ich weiß wer Sie sind, und ich bin nicht beeindruckt, hier kommen Millionäre her, Kumpel, meinetwegen kannst du auch irgendein Trottel sein, der Marionetten in Tijuana bemalt.“ Sie schnipst nach dem Maitre ’D der nach dem Oberkellner schnipst, der nach dem Kellner schnipst, der dich durch die Menge zu deinem Platz führt, Köpfe drehen sich, jeder beobachtet ständig jeden, wie Raubtiere – Wer ist das? Was ist der wert? Muss man Angst vor dem haben? Muss man den kaufen? … Der Weinkellner kommt, spricht Französisch, du fühlst dich minderwertig, du versteht ganz offensichtlich nichts, ihm ist es egal. Peinlicherweise bestellst du irgendwas Teures, um den Weinkellner zu beeindrucken. Er geht, unbeeindruckt. Du siehst dich um. Alle anderen scheinen hier her zu gehören: Männer mit elegantem, silbernem Haar und Frauen mit Capes und Handschuhen. Irgendein anderer Uniformierter bringt die Speisekarte. Da stehen Dinge, von denen du noch nie gehört hast: Spanferkel unter Glas, Wachteleier in Aspik. Du bist verloren. Und dann … es lässt sich nicht vermeiden, hörst du, was die Menschen um dich herum reden … Was das Schlimmste von allem ist, sie schauen auf Deine Bilder, sie sehen sie nicht an …

Tun nur so. Alle mögen alles heutzutage. Man mag das Fernsehen und den Plattenspieler und die Limonade und das Shampoo und den Schokoriegel. Alles ist ohne Unterschied nett und hübsch und angenehm. Alles ist SPASS OHNE ENDE! Herrgott, wenn mir jemand sagt, eines meiner Bilder sei „schön“, könnte ich kotzen! Der Kunstmarkt, auf dem Bilder für Millionenbeträge gehandelt werden, macht aus Kunst Ware. Ein Rothko …. Man kauft Status … Man kauft Geschmack … Einfach so, ich bin ein Substantiv. Es passt zur Lampe … Es ist billiger als ein Pollock … Es ist Innendekoration … Oh, gibt es das auch passend zur Kommode? Können Sie das auch in Orange? Es ist alles, außer das, was es ist. Der Ort, an dem ein Bild hängt, ist ebenso wichtig, wie das Bild selbst. Das Auge des Betrachters ist ebenso wichtig, wie das das Bild selbst. Diese Bilder/Werke verdienen Mitgefühl, sie leben oder sterben durch den Blick des sensiblen Betrachters, sie erwachen nur zum Leben, wenn der einfühlende Betrachter es zulässt.“

begegnung in der kunst

Der Duden definiert den Begriff Begegnung wie folgt:

Be  |  geg  |  nung, die; [Substantiv, feminin]. Das Sichbegegnen, Zusammentreffen oder sportlicher Wettkampf, Zusammenkunft, Zusammentreffen, aber auch Konkurrenz, Match, Partie, Spiel, Wettbewerb.

Was meint der Begriff? Eine einfache Definition des Begriffes ist gar nicht möglich, denn als was Begegnung aufgefasst wird, das wird von jedem unterschiedlich gesehen. Begegnung, das meint eine besonders geartete Beziehung und erst wenn der Mensch als Begegnender hinzutritt, scheint man mit Recht von einer Begegnung sprechen zu können. Der Mensch entscheidet selbst von Fall zu Fall, dafür oder dagegen. Damit gewinnt das Zusammentreffen zweier Menschen eine neue Möglichkeit. Nun kann der Mensch entscheiden, ob er stehenbleibt, oder ob er weitergeht. Der Mensch kann die Zufälligkeit des Treffens aber auch überschreiten und in eine tiefergehende Beziehung eintreten, die wir als eigentliche Begegnung bezeichnen.

In der Begegnung mit Kunst scheint es ähnlich gelagert zu sein. Die Eigentümlichkeit der Begegnung im umgangssprachlichen Sinne besteht darin, dass verschiedene Faktoren zu einer Begegnung gehören, dass aber ihr Zusammenspiel entscheidet, ob es zu einer solchen Begegnung kommt oder nicht. Was im Vordergrund steht ist die Betrachtung des Kunstwerkes. Und das Betrachten verkörpert eine komplexe geistige Leistung und bedeutet inzwischen immer auch: sich zu erinnern, wie man zum ersten Mal etwas Unbekanntem begegnete.

Auch handelt es vom Künstler und seiner/ihrer Begegnung mit dem Inhalt, dem Prozess, dem Material, der Methode. Treffe ich auf ein Kunstwerk, dann kann ich eine Erfahrung machen, die viel über die Wahrnehmungsbedingungen unserer Zeit verrät. Aus der unendlichen Fülle von gesammelten Eindrücken entsteht manchmal ganz plötzlich das subjektive Gefühl oder auch geradezu die Gewissheit einer Begegnung. Das Schöne an einer besonderen Begegnung mit einem Kunstwerk ist, dass man in ganz kurzer Zeit sehr viel Neues und Unterschiedliches erfährt.

Ein Kunstwerk unterscheidet sich vom Leben dadurch, dass ein Betrachter sich immer wieder neu fragen kann: Wie, was und wie viel passiert hier eigentlich jetzt, in dem Moment, indem ich versuche, meine Eindrücke und Begegnungen zu verstehen? Kunstwerke, die uns begeistern, sind dafür da, dass man sie „lange und wiederholtermaßen betrachten“ kann, um immer wieder Neues zu entdecken. Dieses Zitat stammt jetzt nicht etwa von heute, sondern aus einem der spannendsten Texte, die im 18. Jahrhundert über Kunst geschrieben wurden: aus Gottlieb Ephraim Lessings Laookon oder die Grenzen der Malerei und Poesie (1766).

„Was das Auge mit einem Male übersiehet, zählt der Dichter uns merklich langsam nach und nach zu, und oft geschieht es, dass wir bei dem letzten Zuge den ersten schon wieder vergessen haben.“

Mit heutigen Worten: Man braucht Zeit, um zu verstehen, wie wir uns etwas komplexes Ganzes vorstellen, während wir es betrachten. Und noch kürzer könnte man fragen: Was ist für uns gerade relevant in der Begegnung mit Kunst?

Jeder von uns versucht das für ihn gerade Passende, Relevante zu erkennen. Auch in einer Ausstellung ergeht es mir manchmal ähnlich: Ich suche immer nach einem Werk, das mich fasziniert und berührt, das mich an etwas erinnert, was ich immer erst noch kennen lernen will, und manchmal auch etwas, das mir die Frage stellt, was Kunst mit meinem eigenen Leben zu tun hat. „Kunst ist die Fähigkeit Sachlichkeit mit Empathie zu verbinden.“ (Alexander Kluge) Das klingt zwar stark romantisch, gefällt mir aber trotzdem. Vielleicht weil es gerade heute so relevant klingt.

Es scheint als leben wir inmitten eines exzessiven Konsumrausches, der längst den Charakter eines Tanzes auf dem Vulkan angenommen hat, in dem sich zugleich Unsicherheit und Angst vor Kriegen, Terroristen, Migranten, der Zukunft ausbreiten. Ein Gefühl des Ausgeliefertseins greift um sich, während wir mit den Folgen unserer Taten im Kolonialismus, der Ausbeutung der Erde und ihrer Bewohner, der Zerstörung der Natur, der Entfesselung des Geldwesens und der Herabwürdigung der Menschen zu einer manipulierbaren Masse konfrontiert werden.

Die Begegnung mit Kunst ist zutiefst aufrüttelnd, weil sie nichts Historisches, Vergangenes, zeitgebunden Programmatisches hat, sondern auf den Dreh- und Angelpunkt verweist, von dem allein Heilung für das Leiden der Welt ausgehen kann: den Menschen selbst. In der Kunst erst geht uns eine Welt auf. Wer Kunst sagt, spricht vom Menschen. Worauf es ankommt, ist eine scheue Gelassenheit für das, was sich in der Begegnung zwischen Mensch und Kunstwerk ereignet. Erst, wenn wir unser Denken zu einem schöpferischen Erkennen des Lebendigen weiterentwickeln, können wir die Krise lösen.

Die Antwort von Joseph Beuys ist die Idee der sozialen Plastik, an der jeder Mensch als einzigartiges, kreatives und fehlerbehaftetes Wesen mitarbeitet und die sich in seinem berühmten Satz ausdrückt: »Jeder Mensch ist ein Künstler!« Er meinte damit keineswegs, jeder Mensch sei ein Bach oder Picasso, sondern dass jede menschliche Handlung Teil eines Kunstwerkes ist, das die Welt real verändert. Die spirituelle Kraft dieses Satzes ist revolutionär, weil sie die Verantwortung dahin gibt, wo sie ihren Ursprung hat: beim Menschen selbst, und zwar in jedem, jederzeit und an jedem Ort, an dem er handeln kann.

Wagen wir es also in der Begegnung – nicht nur in und mit der Kunst – Mensch zu sein und die Verantwortung dafür zu übernehmen. Zum Schluss noch ein Zitat von Beuys. Ich kann mir im Augenblick keinen Satz denken, der wichtiger wäre.

„Das einzige, was sich lohnt, aufzurichten, ist die menschliche Seele.“