|
ich kenne alles, nur mich selber nicht
|
Als krönenden Höhepunkt gab es die erweiterte Villon-Version als abendfüllendes Programm auf Tournee: “Ich kenne alles...”
|
„... auch riesig bin ich nur ein Wicht. Ich kenne alles, nur mich selber nicht.“ (François Villon)
Villon ist eigentlich François de Montcorbier oder François de Loges. Wir befinden uns in Paris im Frühjahr des Jahres 1431. Jeanne D`Arc ist tot, verbrannt in Rouen. Der hundertjährige Krieg zwischen Frankreich und
England ist vorbei. Heinrich VI. von England feiert in Paris seine Krönung zum König. Das ausgeblutete Frankreich ist Schauplatz brutaler
Hinrichtungen. Die Not gebiert täglich neue "Kriminelle". Die Pest wütet im ganzen Land. Aberglaube und Elend beherrscht die Bevölkerung. Kein guter Zeitpunkt, um als Dichter zur Welt zu kommen...
Über das Leben und den gesellschaftlichen Hintergrund des Menschen Villon ist eher wenig bekannt. Er wächst in
ärmlichen Verhältnissen auf, sein Vater stirbt früh und seine Mutter kann kaum für ihn sorgen, so beginnt er schon früh vagabundierend durch die Straßen zu ziehen und zu
stehlen und wird dafür öffentlich von der Gendarmerie verprügelt. Schließlich gibt ihn seine Mutter zur Erziehung zum Kaplan Guillaume de Villon, dessen Namen er später
annimmt. Dort erhält er neben einem ordentlichen Bad auch eine fundierte Bildung in Latein, Griechisch und Miniaturmalerei. Später (um 1449) wird er in die Künstlerfakultät
der Sorbonne (älteste Universität Europas) aufgenommen. Seinen Lebensunterhalt verdient er sich als Hilfsschreiber.
Zu dieser Zeit beginnt er auch, nächtens mit der Laute durch die Gasthäuser zu ziehen
und dort zotige Lieder zu singen. Mit dem vorhandenen Liedgut war nicht viel anzufangen, es war prüde und zuckrig und so griff Villon bald selbst zur Feder. Im
krassen Gegensatz zur hohen Minne nennt Villon ein Weib ein Weib, einen Schoß einen Schoß und sagt seiner Liebsten im Lied geradeheraus, dass sie ihm nackt am süßesten sei.
Neben vielen Liebesballaden gestaltete er in einer derben, oft kaltschnäuzigen Weise, meist mit unverhohlener Sympathie, das Treiben
des Gelichters in der Gosse, das er so gut kannte, und verschmähte auch nicht den Wortschatz der Gauner und des fahrenden Volkes. Villon erwarb 1452 den Magistergrad an der Universität führte aber als Mitglied einer Gaunerbande ein höchst unkonventionelles Leben.
Sein Werk hat ihn bei weitem überdauert, gedruckt wurde es erstmals
1489 vom französischen Buchdrucker Pierre Leret, doch Anhänger hat er bis in die heutige Zeit. Als prominente Vertreter seien hier Bertolt Brecht, Bob Dylan und Wolf Biermann genannt.
François Villon: ein Rauf- und Saufbold
Wir zeigen einen François Villon in unserer Interpretation: einen Rauf- und Saufbold, einen Dieb und hochbegabten Poeten, einen verliebten Romantiker und einen “Macho” seiner Zeit, der über eine schier
unerschöpfliche Skala von Ausdrucksmitteln verfügt, die vom fäkalen und obszönen Jargon der Gosse über das vermeintliche Rotwelsch einer Gaunerbande bis hin zum abstrakten Idiom der neuplatonisch
-höfischen Liebeslyrik reicht.
Die von uns ausgewählten Texte entstammen dem “kleinen” und dem “großen Testament” Villons und diversen Balladen.
Jedoch war die Auswahl recht schwierig, da zahlreiche Übersetzungen oder Neudichtungen existieren, die häufig losgelöst vom Kontext stehen. So wurden das “kleine
Testament” zwischen 1907 und 1964 sechsmal, und das “große” zwischen 1931 und 1981 fünfmal übersetzt. Leider geschah dies unabhängig voneinander, wobei die meisten
Übersetzungen das mittelfranzösische Original und die Zeit- und Ortsgeschichte Paris‘ unberücksichtigt ließen. Mal reimen sich die Übersetzungen, mal nicht. Auch enthalten sie gelegentlich
apokryphe Texte zeitgenössischer Sammlungen, die jedoch nichts mit Villon zu tun haben. Letztendlich entschieden wir uns für eine Mischung verschiedener Übersetzungen, gleichzeitig paßten wir, wo es für
das Verständnis notwendig war, einzelne Texte der heutigen Sprache an, da die Lyrik des französischen Mittelalters zuweilen schwer verständlich ist.
Bei den Proben ergaben sich immer wieder Änderungen der Texte und der Darstellung, die wir in den Aufführungen beibehalten werden. So wird dieses Theater zu einem Bild, das sich permanent verändert;
zwar in Nuancen, aber doch immer merklich.
Dabei richteten wir unser Augenmerk auch auf die Texte des Dichters in denen er die Frauen, die eine zentrale Rolle in seinem Leben spielten, zu Wort kommen lässt. Ein Aspekt, der in vielen Produktionen zu kurz kommt.
Ich bin so wild nach deinem Erdbeermund... Ein kraftvoller Beginn, und doch weiß Villon schon lange, dass auch diese Wildheit zur fahlen Asche zerstäuben wird. Einen Vorgeschmack davon bekommt er
schon früh, als er sich in eine Bürgerliche verliebt, sie hofiert und nichts mehr wünscht, als diesem Kreis anzugehören, den er später so wortreich verspotten wird.
Verschiedene Frauen begleiten seinen Weg
Sie läßt sich die Verse und Schmeicheleien des Dichters Villon gefallen, aber den Mann Villon hält sie hin. Verbittert schwört er der Liebe ab. Aber dieser Vorsatz hält nicht lange. Unausweichlich ziehen ihn
Frauen in ihren Bann.
So unausweichlich, wie das Schicksal der Frauenfiguren selbst, die wir inszeniert haben: vier verschiedene Frauen, denen er
begegnet sein mag. Jede in einem Moment ihres Lebens festgehalten. Zusammengefügt jedoch könnte es auch der bittere Lebensweg einer einzigen Frau sein. Villon hat
hingehört und, das ist in seiner Zeit nicht üblich, sich zu ihrem Sprecher gemacht. Er hat von vielen Bereichen des Frau-Seins etwas verstanden. Immer wenn er über Frauen
schreibt oder sie zu Wort kommen läßt, gibt er jeder eine ganz eigene Färbung mit. Stimmungen, die auch seinen eigenen Lebensweg kennzeichnen. Die zweifelnde Hoffnung,
der schale Triumph, die erniedrigende Abhängigkeit und die wehmütige Verbitterung sind die Grundgefühle der von uns ausgewählten Frauen.
Indem wir, uns seine Freiheit nehmend, Textpassagen neu miteinander verwoben, schufen wir Momente der Begegnung, in denen die Figur des Villon auf die weiblichen Schöpfungen des Dichters trifft.
|