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tu, was du willst
bin reich ich, der ich nichts verlieren kann...“ (François Villon) "Tu, was Du willst...", ein Zitat Aleister Crowleys. Der Name Crowley wirkt nicht selten wie ein falsches Losungswort, dessen Nennung schleunigst alle Türen verschließt. Nach bewährter Pharisäerart werden seine Person und sein Werk gern in jenen Bereich menschlicher Erfahrung verwiesen, der durch unverrückbare Vorurteile verriegelt ist. So bleibt -zumindest scheinbar- die Auseinandersetzung mit all den Phänomenen erspart, die gern mit seinem Namen in Verbindung gebracht werden: Schwarze Magie, Satanismus, schwarze Messen, alles Schändliche, Verruchte, Unanständige, Unerhörte, Widerliche; das Böse schlechthin. Ähnliche Reaktionen werden beim Nennen des Namens François Villon gezeigt, sofern man ihn denn überhaupt kennt. Der Rauf- und Saufbold aus dem 15. Jahrhundert verdankt seinen heutigen Bekanntheitsgrad hauptsächlich den Rezitationen und Interpretationen Klaus Kinskis sowie einer Übersetzung/Neudichtung Paul Zechs. So werden auch Villon die schändlichsten, verruchtesten und unanständigsten Taten zugesprochen. Wenn in einer sterilen und seelisch verkümmerten Welt die Jugend aus der Abgestumpftheit tödlicher Langeweile heraus den letzten "Kick" in schwarzen Messen sucht und ihre nächtlichen Parties auf Friedhöfe verlegt, kann man das Crowley selbst dann nicht anlasten, wenn dabei sein Name auf Grabsteine geschmiert wird. Wenn sich heute Zirkel bilden, die sich okkult nennen, die merkwürdigsten Theorien vertreten und obskure Rituale pflegen, die aber eigentlich dringendst psychiatrischer Hilfe Betreuung bedürfen, hat das nichts mit Crowley zu tun. Und wenn Manson und andere Wahnsinnige sich bei ihren Greueltaten auf Crowley berufen, sei daran erinnert, dass Crowley selbst Zeit seines Lebens nie kriminell geworden ist und dass ähnliche Taten von anderen seelisch Kranken im Namen des Kreuzes und jeder anderen hohen Idee begangen wurde. Und wer mit dem Hinweis auf eine möglicherweise schädliche Wirkung die Verbreitung seines Werkes verhindern will, sei daran erinnert, dass das Werk eines der hervorragendsten Köpfe unseres Volkes eine nachweislich verheerende Wirkung hatte, ohne jemals auf den Index gesetzt zu werden: Als Johann Wolfgang von Goethe "Die Leiden des jungen Werther" schrieb, traf er damit so den Nerv der Zeit und wühlte die Gemüter seiner Leser derart auf, dass sich junge Menschen gleich scharenweise das Leben nahmen und man von einem "Werther"-Syndrom sprach.
Beide, Crowley als auch Villon, werden so aus Unkenntnis und Vorurteil heraus posthum beschimpft, verleumdet und gemieden. Und doch waren beide auf der ständigen Suche nach sich selbst. Der verlorene, entratene oder schlicht unbekannte Wille zu sich selbst ist Quelle von Animismus (Projektion von menschlicher Seele und Geist auf die äußere Natur) und Animalität (persönliche Geist- oder Seelenbesessenheit). Für diese Zusammenhänge sind Crowley als auch Villon treffliche Beispiele. Der "wahre Wille" war einer von Crowleys Lieblingsbegriffen, während ihm, oft von Suchtmitteln abhängig und auf der Flucht um die halbe Erdkugel, nichts mehr fehlte als ein Wille, der ihn zu sich selbst geführt hätte. Ebenso erging es Villon. Von Klerus und Polizei wegen seiner Texte und diversen Gaunereien verfolgt und damit ständig auf der Flucht, war auch Villon auf der Suche nach sich selbst: "Ich kenne alles, nur mich selber nicht!" Es ist nicht das Ziel unseres Projektes, zur Arbeit am kollektiven Schatten anzuregen, sondern die bestehenden Vorurteile abzubauen, den Dichter Villon und sein Werk näher kennenzulernen. Liest man jedoch das 60 Seiten lange "Leben des François Villon" von Paul Zech im Anhang seiner Villon-Imitate "Die lasterhaften Lieder und Balladen des François Villon", so hat man den Eindruck, die Biografie des Dichters sei bestens bekannt. Dabei sind in Wahrheit unsere Kenntnisse nur bruchstückhaft und ungleichmäßig. Sie stammen erstens aus sechs erhaltenen Pariser Dokumenten, die Villon in Zusammenhang mit Straftaten erwähnen, zweitens aus einer Sammelhandschrift des Herzogs und Lyrikers Charles d'Orléans (1394 -1465), die neben dessen Texten auch fremde Gedichte, darunter vier von Villon, enthält, und drittens und vor allem aus Informationen Villons selbst, die direkt oder indirekt entnehmbar sind aus seinen Werken, vor allem aus dem Testament, seinem Hauptwerk. Villons Werk ist mit etwa 3300 Versen relativ schmal. Formal eher schlicht und konventionell, beeindruckt es vor allem durch die ungewöhnliche Prägnanz, Lebendigkeit und Ausdruckskraft seiner Sprache und Bilder. Da Villons Texte allesamt prekäre Momente oder Krisenphasen einer bewegten Existenz verarbeiten und den Eindruck einer starken persönlichen Betroffenheit des Autors vermitteln, sprechen sie auch heutige Leser noch an. Villon gilt zu Recht als einer der besten mittelalterlichen Lyriker Frankreichs.
"Tu, was Du willst...", die Aufforderung, etwas eigenständiges, eigenwilliges zu schaffen, das nicht durch akademische -, Professoren- oder öffentliche Meinungsbildung in seinem originären Bild verformt ist. Villon tat, was er wollte. Dem wollen wir entsprechen. Was liegt hier also näher, als Theater aus dem Theater herauszuholen und in den Lichtkegel des Museums, des Ausstellungsraumes zu schaffen? Theater hat in seinen vielfältigen Formen fast überall schon stattgefunden: in Fußgängerzonen, in Foyers, in Industriehallen, selbst auf Messen. Doch der Ausstellungsraum blieb meist außen vor, finden doch hier fast ausschließlich die bildenden Künste ihr zu Hause. Wir wollen Theater im Ausstellungsraum schaffen und dadurch dem Betrachter die Möglichkeit geben, sich mit dem Werk Villons und unserer Interpretation auseinanderzusetzen. Zusätzlich kann der Zuschauer verschiedene Blickwinkel ausprobieren und vor allem, den Zeitraum seiner Betrachtung selbst wählen, ja sogar fast beliebig oft wiederholen. Das wird mit dem Theater schwierig bis unmöglich. Der Betrachter erhält einen begrenzten Zeitraum der Betrachtung und meist nutzt er ihn nur einmalig und läßt so nur einen, nämlich den ersten Eindruck auf sich wirken. Hier greift unser Ansatz des Projektes.
Bei den Proben ergaben sich immer wieder Änderungen der Texte und der Darstellung, die wir in den kommenden Aufführungen beibehalten werden. So wird dieses Theater zu einem Bild, das sich permanent verändert; zwar in Nuancen, aber doch immer merklich. So tun wir, was wir wollen und geben dem Zuschauer nicht das, was er will, sondern das, was er braucht: einen neuen Aspekt seines eigenen Willens.
Darüber hinaus gibt es für den Zuschauer kein abendfüllendes Programm. Es entfällt der Zwang zum Abendanzug und dem "kleinen Schwarzen". Der Zuschauer kann während der Aufführungen durch den Ausstellungsraum laufen und verschiedene Blickwinkel aufnehmen, andere Akustiken aus anderen Perspektiven ausprobieren, an anderen Tagen die Aufführung sogar vielleicht komplett neu erleben. Damit hat der Zuschauer auch die Möglichkeit, seinen eigenen Willen hinsichtlich der darstellenden Kunst kennenzulernen.
Die von uns ausgewählten Texte entstammen dem “kleinen” und dem “großen Testament” Villons. Jedoch war die Auswahl recht schwierig, da zahlreiche Übersetzungen oder Neudichtungen existieren, die häufig unabhängig und losgelöst vom Kontext stehen. So wurden das “kleine Testament” allein zwischen 1907 und 1964 sechsmal, und das “große” zwischen 1931 und 1981 fünfmal übersetzt. Leider geschah dies unabhängig voneinander, wobei die meisten Übersetzungen das mittelfranzösische Original und die Zeit- und Ortsgeschichte von Paris unberücksichtigt ließen. Mal reimen sich die Übersetzungen, mal nicht. Auch enthalten sie gelegentlich apokryphe Texte zeitgenössischer Sammlungen, die jedoch nichts mit Villon zu tun haben.
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