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bitterstücke 1991 - 1996
Theater soll als öffentlicher Ort erfahrbar werden, der Raum und Gelegenheit zur Auseinandersetzung mit eigenen und fremden Interessen bietet, Probleme, Freuden und Sehnsüchte aufgreift und thematisiert. "In der Kultur findet das Schöne statt, für das in der harten Realität kein Platz ist." so die landläufige Meinung. Ensemble Bitter hält dagegen: Nicht platte Unterhaltung und Ablenkung ist gefragt, sondern Theater als Ort der öffentlichen Auseinandersetzung mit der vorhandenen Lebenswelt, mit eigenen und fremden Interessen. Ohne erhobenen Zeigefinger, ohne dogmatische Richtungsangabe fördert und fordert das Ensemble, sich die Welt erfahrbar zu machen und zu gestalten. Das Geschehene auf der Bühne bleibt nie harmlos, denn lebendiges Theater provoziert. Spielweise und Stil weisen stets über das Normale und Alltägliche hinaus, erregen die Gemüter und wühlen Emotionen auf. Das macht Theater so anziehend.
“Keine Angst vor zuviel Gefühl” war ein literarischer Abend mit Texten von Tucholsky, Lettke u.v.a.m. und gleichzeitig der Beginn des künstlerischen Wirkens des Ensembles in der Öffentlichkeit. Das Programm gestaltete sich wie folgt:
01. Overture/Das Geröhre (Ensemble Bitter) Vergangenheit Fragen Das Ende
Clavigo oder Dichtung und Wahrheit Das Ende
Aktuelles: Birte Schmidt-Rübner und Birger Rübner-Schmidt mit aktuellem aus aller Welt. Ächt aktuell. Der Aufschwung: Ein Schwank unserer Zeit mit Haltungen, die nicht
versprochen und Versprechungen, die nicht gehalten werden. Heiteres Begrifferaten: Ratespiele in unermüdlichem Aufguss. Typisch. Bei ARD und ZDF reihern Sie in die
ersten Sitze. Der Kammer-Hammer: Komödienstadl? Weit gefehlt! Derbe Unterhaltung bei RTL. *#+%&-filme für Anfänger oder Rumtreiber... und so weiter. Der ganz normale
Wahnsinn, der einem beim Zappen vor die Augen kommt.
Die (S)Hitparade: Doku-Drama mit Dietlinde T. Heck. Sie stellte uns erbarmungslos die Welt des deutschen Schlagers vor. Von den fetten Wildecker Schmerz-Buam bis zum
weinerlichen Herzkranzgefäß-Singer Chris (Kam) Anners. Das schweigend' Dilemma: Horror, Blutrausch und Gemetzel ohne Ende. Glücksrad: Dumpfe Gäste in dumpfen
Spielen mit dumpfen Preisen vor einem dumpfen Publikum. Ziemlich dumpfe Sache. Der Film-Film Film: Film stand bei Redaktionsschluß noch nicht fest. Vielleicht läuft ja
wieder so was spannendes wie: "Die Flusensammler von St. Kathrein". Weg Da!: Tore, Punkte, Meisterschaften in Sportarten, die wir zu anderen Sendezeiten als 3:15h auch gar nicht sehen wollen!
Der Wahnsinn geht weiter. Das Publikum war heute wieder wundervoll, und traurig klingt der Schlußakkord in
Video-Clips:Schwarze und Weiße vor einer Mülltonne, die sich unsportlich verrenken. Rap, Zap, Hip-hop-House-Rave-Metal und der ganze gebrabbelte Kram von Bands,
deren Namen ebenfalls unaussprechlich sind! Das Wort zum Sonntag: Pröbstin Elvira Clothilde von Hahnenschrei-Rittling spricht heute über die SXXXXXX und das gXXX
XXXXX, das FXXXXXXXXXX-XXXXXXXX und über VerXXXXXXXXX. Aerobic zur Nacht: Pröbstin Elvira Clothilde von Hahnenschrei-Rittling zeigt Ihnen das, was im Wort zum Sonntag der Zensur zum Opfer fiel...
WETTEN WAS?!: Tommy, der alte Blondschopf, hat wieder viele prominente Gäste und skurrile Wetten parat. Heute Abend: Dolly Basta, Eros Rambozotti und “Wetten, dass
Theo Waigel bis 97 den Schuldenberg abbauen kann?” Wenn nicht, so verspricht er: “Bleibe ich im Amt!” Spannend, gell?. GEH’ AUF’S GANZE: Die Abzock- und Folter-Show
mit Jörg Quäler. Lassen Sie sich auch heute bezaubern von leeren Umschlägen, bescheuerten Zonks in Tor 3 und gewinnen Sie einen Einkaufskorb im Wert von 1000
Lire.TRAUMPAARE: Gutaussehendes Model sucht Traumpartner für’s Leben. Suchen Sie mit. Schicksalhafte Begegnungen, rätselhafte Tiefschläge und Traumpaare, die eigentlich keiner haben will...
HANS MEISER: Brüll dich heiser mit Meiser. Was als Talk-Show einst interessant begann, wird nun zum
Tummelplatz der Arschgeigen. Jeder doofdröge Trottel darf uns nun mit seiner Meinung “Ich spende mein Hirn dem Bundestag” nerven. Wo bleibt der NOTRUF? GAYWATCH: Braune Burschen spülen am
Strand auf selbstgemachten folkloristischen Instrumenten. Geschmeidige Körper wiegen sich im
Mondlicht. Lachen, weiße Zähne und schöne Frau’n. (Los, Hassi!, Du mußt ihm voll in die Eier hau’n! Das
ist die Art von Gewalt, die wir seh’n woll’n, wenn auch nicht spür’n woll’n.) Und dann hatte der Fernseh-Wahn endlich ein Ende...
Zum 5-jährigen Jubiläum gab es Anouilhs Groteske. Wir können uns gegenseitig unter mehr oder weniger edlen Vorwänden verletzen, verraten, massakrieren, uns mit scheinbarer Größe aufblasen: wir sind komisch. Nichts anderes, wir alle, einschließlich derer, die wir unsere Helden nennen. Mögen die langweiligen Philosophen der Verzweiflung , die in regelmäßigen Zeitabständen und ein wenig naiv immer wieder das Schreckliche der menschlichen Extistenz entdecken und uns daran hindern möchten, uns im Theater amüsieren, sich in das Unabänderliche fügen: wir sind komisch! Und das ist letzten Endes noch schrecklicher als die grauenvollen Schilderungen unseres Nichts. (Jean Anouilh)
Das Ende |
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